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Mittwoch, 26. Juni 2013

Popmusik wörtlich #5: Bei meiner Fresse

„Bei meiner Seele
Du bist herzergreifend liebevoll
Wenn ich dich sehe
Füllst du mein Herz zum Rand mit Liebe voll.“

Jetzt mal ehrlich, Xavier Naidoo, geht’s noch? Ist ja nicht der erste schwülstige Text aus Ihrer Feder, aber meine Fresse, damit hätte sich ja selbst Christopher Tietjens (Die verlinkte Serie "Parade's End" sollte man sich übrigens unbedingt ansehen!) im aristokratischen Englands in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg lächerlich gemacht. Street credibility gibt es dafür dann wohl nicht, oder? Oder ist das Ganze Teil der Strategie, sich eine neue Zielgruppe zu erschließen? Nur wer könnte das sein – Shakespeare-Anhänger vielleicht? Die werden wohl eher nicht darauf reinfallen. Aber ohne das überprüfen zu wollen, gehe ich mal davon aus, dass es genug Leute gibt, die das Lied "voll schön" finden und es kaufen, runterladen und so weiter und so fort. Ich schalte lieber das Radio aus, wenn das Lied läuft. Ist besser für meine Seele! 

Donnerstag, 7. März 2013

Popmusik wörtlich #4: Selbstironie bei den Toten Hosen?

"Und immer wieder 
sind es die selben Lieder
die sich anfühlen
als würde die Zeit stillstehen."

So heißt es im Refrain der aktuellen Single der Toten Hosen, "Altes Fieber". Höre ich da etwa Selbstironie heraus? Denn mal ehrlich, genau das denke ich jedes verdammte Mal, wenn ich die Band im Radio höre! Aber wenn die das selbst auch schon so sehen... 

Mittwoch, 6. Februar 2013

Popmusik wörtlich #3: Katy Perry und die Zielgruppe

Wenn ich in den letzten Wochen mal wieder Katy Perry im Radio hören musste (unter der Dusche komm ich leider nicht ans Radio, um das zu verhindern), formte sich der Gedanke, dass das irgendwie nicht richtig ist. Also nicht nur ganz generell - ich denke, da sind wir uns einig - sondern im Speziellen das, was sie in ihren Songs von sich gibt. Dann dachte ich aber wieder, dass man das nicht formulieren kann, ohne gleich wie ein prüder, spießiger und langweiliger Mittfünfziger mit beigem Rollkragenpullover zu klingen, denn soll sie doch ihre anzüglich-unverhüllten Texte singen und dabei aussehen "wie die Mädchen, die in Rap-Videos mit Champagner bespritzt werden", um halbwegs wörtlich aus "2 Broke Girls" zu zitieren. Machen andere auch und haben schon viele vor ihr gemacht.

Ich hab damit auch gar kein Problem, mal abgesehen davon, dass die Texte schreiend schlecht sind. Was ich immer nur denke: wie passt Katy Perry eigentlich zur (ja, vielleicht reite ich ein Klischee, ist mir egal) eher prüden Einstellung der (meisten) Amerikaner? Und wie finden es die Eltern von Teenagern und Kindern (denn das ist ja wohl zu 95% ihre Zielgruppe), wenn ihre Töchter die Songs über z.B. Komasaufen, ungeschützten Sex und flotte Dreier nachsingen und entsprechende T-Shirts tragen, auf denen recht unverhohlen nach männlichen Geschlechtsteilen gesucht wird? Passenderweise hat Christian Ihle vom hervorragenden Blog "Monarchie & Alltag" ein herrlich passendes Zitat von der Band Chrystal Castles zu dem Thema gefunden, dass ich hier wiedergeben möchte, um meinen Gedanken zu belegen: "Fucking Katy Perry spraying people with her fucking dick, her fucking cum gun cumming on fucking children. And little girls, like six-year-old girls wearing a shirt with 'I wanna see your (pea) cock' on it. On the merch for that song 'Peacock' the 'Pea' is on a different line so you don't see it. She sells it to fucking children. It's fucking evil. Don't prey on vulnerable people like that. Don't encourage little girls to get dressed up, to have cupcakes on their tits to get people lick them off, 'cos that's what you're ininuating." 

Passt nicht zusammen, finde ich. Und doch ist die Frau unfassbar erfolgreich und wahrscheinlich, oh Schreck, ein Vorbild für viele Mädchen und junge Frauen. Trotz aller beiger-Rollkragen-Gefahr halte ich das alles für sehr fraglich, um nicht zu sagen, für falsch. Kann man mal drüber nachdenken, ob das cool ist. Katy Perry ist übrigens Pastorentochter.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Popmusik wörtlich #2: Balladen-Bullshit-Bingo mit Silbermond

Vorhin habe ich zum ersten Mal die Single "Ja" von Silbermond gehört - beim Rasieren. "Ja" habe ich dabei bestimmt nicht gedacht. Eher: "Gut, dass man sich heutzutage nicht mehr mit offenen Klingen rasiert."

Ich präsentiere hier mal einen Auszug aus dem Songtext:

"Ich bin verlor'n in deiner Mitte
Machst mich zum Kämpfer ohne Visier
Alles gedreht, die Sinne wie benebelt
Ich bin so heillos betrunken von dir

Du wärmst mich auf mit deinem Wesen
Und lässt nicht einen Zentimeter unverschont
Du flutest alle meine Decks mit Hoffnung
auf ein echtes Leben vor dem Tod

[Refrain:]
Und Ja ich atme dich
Ja ich brenn' für dich
Und Ja ich leb' für dich...jeden Tag
Und Ja du spiegelst mich
Und Ja ich schwör' auf dich und jede meiner Fasern sagt Ja..."

(Quelle: www.azlyrics.com, wer sich selber überzeugen will - das hier ist nur die erste Hälfte der Grausamkeit...)


Mich beschlich spontan das Gefühl, als hätten die Songschreiber (ein Mensch alleine kann sich sowas doch wohl unmöglich ausdenken?) Bullshit-Bingo mit Balladentexten und -wörtern gespielt: "Warte, es muss 'betrunken von dir' rein!" - "Check." - "Ey ey, Alter, 'Decks mit Hoffnung fluten', das is voll emo, das muss!" - "Check." - "Und sie muss ihn atmen, Mann, zieh dir das rein: 'Ich atme dich'. Krass! Da fahren die Kids bestimmt voll drauf rein - äh, ich meine ab!" - "Check." Und so weiter.

Alles, was irgendwann mal irgendwo in irgendeiner schlimmen Schnulzballade verwurstet wurde - in diesem Lied findet es sich wieder. Ist ja in gewisser Hinsicht auch eine Leistung. Aber seinen Sie gewarnt: wenn Sie dieses Lied hören und bei klarem Verstand und gutem Geschmack sind - fahren sie rechts ran, legen Sie das Messer weg, treten Sie von der Klippe zurück! Bevor Sie etwas aus dem Affekt tun, das Sie später bereuen. Und sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt vor dem Silbenmord!

Donnerstag, 12. Juli 2012

Popmusik wörtlich: Kannst du meine Flöte blasen?

Popmusik, gerade solche, die die Mainstream-Radiostationen bedient, ist ja selten der Hort für tiefgründige oder gar sinnige Texte. Das ist erst recht ein Grund, die Lyrics einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.  

Beim Song „Whistle“ von Flo Rida wäre es allerdings noch eine extreme Beschönigung, die Lyrics als flach zu bezeichnen. Dieser Text ist so dermaßen bescheuert platt und unsubtil, dass ich weder Lehrer noch Eltern beneide, die von Kindern gefragt werden, worüber denn der coole Typ da wohl singe. Erklären Sie das mal einem 10-jährigen – ich wollte ihm nicht sagen müssen, warum der Mann eine Frau dazu auffordert, ganz nah an seine „Flöte“ (oder Pfeife, kommt ja aufs gleiche raus) zu kommen, die Lippen zu spitzen und darauf zu blasen. Und dabei ihr Talent in dieser Hinsicht lobt und sie auffordert, nicht locker zu lassen oder gar aufzuhören, während er sich genüsslich zurücklehnt. „Ja, äähh, Dustin-Nicklas, der findet es bestimmt ganz toll, wenn Mädchen, ääähhh, musikalisch sind und ihm was vorspielen… oder so.“

So offensichtlich wurde im Mainstream-Radio wohl noch nie über Oralsex gesungen. Ist mir ja auch herzlich egal – nur ist es dann umso lächerlicher, wenn in anderen Songs dann peinlich genau vermeintlich schlimme Wörter wie „fuck“, „bitch“ etc. rausgepiepst werden. Oder noch schlimmer, wenn schon von vornherein „radiotaugliche“, also von diesen Wörtern befreite Versionen aufgenommen werden. Man kann also zusammenfassen: Mit Metaphern, seien sie auch noch so flach, kann man im Radio (nahezu) alles sagen. Gewusst wie! 

(Ich will versuchen, daraus eine regelmäßige Rubrik zu machen und habe auch schon einige weitere Songs dafür im Hinterkopf. Für Anregungen, Vorschläge etc. bin ich aber immer dankbar!)